Fragmentale Bildidee. Über das Fragmentale in Kunst und Kreativität

Die Idee des Fragmentalen entwickelte sich über längere Zeit, durch Erfahrungen und Beobachtungen aus verschiedenen Raum-Zeiten meines Lebens. Zunächst gab es die Geborgenheit in der frühen Kindheit.

Dann kam der jähe Bruch, das Erleben des Zweiten Weltkrieges auf der Flucht und das Ankommen in einer neuen Heimat. Die Geschichten der heimgekehrten Soldaten führten bei mir zu Albträumen, die das kindliche Gehirn vergleichend verarbeiten musste; Trennung war das Gebot, um eine Ordnung in das Durcheinander zu bringen.

So wurde die Beobachtung der Natur, des Verhaltens der Lebewesen und besonders des Menschen in mir geprägt. Bereits früh verspürte ich einen Hang zur Kunst, vor allem den Wunsch, Ursachen auf die Spur zu kommen. Es ging mir darum, die Bestandteile des Ganzen wie auch die Summe der Teile zu erkennen und sie in irgendeiner Weise in Form und in Beziehung zu bringen.

Was macht eigentlich der Künstler, und was macht Kunst? Kunst bedient sich einer visuellen Sprache, die sich über Farben und Formen definiert, Informationen speichert und dem Betrachter eine Botschaft vermittelt. Der Künstler versucht, in der realen Welt eine emotionale Dimension in sein Werk einzubringen, um innere und äußere Zusammenhänge herzustellen.

Die visuelle Sprache manifestiert sich in verschiedenen Bildräumen und Zeiten, das Gegenständliche konkurriert mit der Abstraktion, integriert Reales mit Emotionalem. Die Kunst unterliegt dem Fragmentalen Prinzip der Entwicklung. Alles, was fertig ist, ist fragmental: vorerst vollendet, aber nicht endgültig, endgültig nur, solange bis etwas Neues geschaffen und damit das Alte zum Fragment wird. So gesehen ist das Fragmentale die Wurzel der Kreativität, denn Kreativität ist permanent unfertig.

Mein erstes Fragmentales Werk entstand im August 1962 auf der Insel Mykonos. Die geistige Grundlage und die daraus von mir entwickelte Theorie des Fragmentismus, d. h. des Fragmentalen Stils, ergab sich aus einer einfachen Beobachtung der Natur. Deutlich voneinander getrennt nahm ich wahr: das Blau der Atmosphäre – das Segment des Meeres – die Landschaft der Insel – das Fragment der weißen Architektur.

In der Natur war Aufteilung also vorgezeichnet. Warum sollte sie nicht auch in der Kunst verwirklicht werden?

In Anbetracht der Erkenntnis, dass gegenständliche und abstrakte Darstellung in der Kunst gleich wichtig sind, musste nur der Mut aufgebracht werden, Naturalistisches und Abstraktes kompositorisch neu zu fassen, mehrere Fragmente beider Darstellungsarten in einem einzigen Kunstwerk zu vereinigen.

Die Fragmentale Bildidee lässt sich in den Kunstwerken und kunsttheo­retischen Äußerungen verschiedener Epochen und verschiedener Kulturen immer wieder nachweisen. Man denke etwa an die ägyptische Malerei, die griechische Vasenmalerei, die altamerikanische Kunst, die indische, persische und europäische Buchmalerei, um nur einige Beispiele zu nennen.

Exemplarisch sei hier eine chinesische Bild-Theorie (etwa 6. bis 8. Jhd. n. Chr.) vorgestellt: „Die Fläche eines chinesischen Freskos ist in drei Ebenen eingeteilt – Vordergrund, Mittelteil und Hintergrund – genannt san tich fa: ‚das Gesetz der drei Teile’. Der Horizont wird nicht gekennzeichnet, um den Eindruck des unendlichen Raumes zu vermitteln und das Auge von einer Ebene auf die andere wandern zu lassen.“ (Anil de Silva: Chinesische Landschaftsmalerei. Baden-Baden 1965. S. 91 und 104)

Yüan Chin: Das Ferne und das Nahe, hat drei Teile, und dies gilt besonders für Landschaften.

Kao Yüan: Tiefe Distanz von der Höhe gesehen (Vogelschau).

Shen Yüan: Hohe Distanz von unten gesehen (Froschperspektive).

P’ing Yüan: Waagrechte Distanz, Blick von einem Gegenstand in der Nähe des Vordergrunds aus in den Raum (Frontalperspektive).

Das Fragmentale Bild baut sich kompositorisch auf zwei Ebenen auf:

  1. auf der sichtbaren, wahrnehmbaren,
  2. auf der fühlbaren, geistigen Ebene.

Realisiert wird es in gegenständlich-naturalistischen und ungegenständlich-abstrakten Elementen. So fordert auch die Betrachtung eines solchen Bildes zu einem mehrdimensionalen Sehen auf, da das Dargestellte äußere und innere Formen – reale und geistige Bereiche – einander gegenüberstellt.

Die kritische Betrachtung beider Ebenen ergibt eine intensive geistige Beschäftigung mit dem Thema, das Kunstwerk will zumindest dazu herausfordern.

In diesem Sinne stellt schon der Philosoph Dionysius Areopagita (Pseud.) um 500 n. Chr. fest: „In diesem Leben müssen wir uns geeigneter Bilder zur Erkenntnis des Göttlichen bedienen, nach unseren Möglichkeiten, kraft heiliger Analogien: Wir können uns von diesen Symbolen dann Stufe für Stufe zur einfachen Wahrheit erheben, zur höheren Einheit des geistigen Schauens.“ (Victor H. Elbern: Ikonen. Bilderhefte der Staatlichen Museen Preußischer Kulturbesitz. Heft 9. Berlin 1970. S. 12)

Es ist nicht überheblich, wenn wir – die Fragmentisten – sagen, in unseren Kunstwerken sei diese „einfache Wahrheit“ zu erkennen. Die fragmentierten Schichten eines Bildes stehen in Analogie zum Leben; Natur und Sein erscheinen geistig umgesetzt, symbolhaft komprimiert, und werden durch Figuration und Abstraktion vermittelt vor Augen geführt.

Gelegentlich war die Fragmentale Kunstauffassung dem Vorwurf der Rückschrittlichkeit, der Befangenheit im Konservativen ausgesetzt. Die Fragmentale Idee will jedoch einen Weg weisen, dem Zerfall der Kunst in der heutigen Zeit entgegenzuwirken, ihrem Sinn und ihren Werten wieder zur Geltung zu verhelfen.

Die Verbindung zur Tradition, große historische Vorbilder, den Reichtum vergangener Schaffensperioden zu verleugnen, hat noch keiner Kunstrichtung zum Wohle gereicht. Dabei geht es nicht um epigonenhafte Nachahmung, sondern um die Möglichkeit und Notwendigkeit, durch gründliche Schulung sicheren Boden für das eigene kreative Schaffen zu gewinnen.

Beispielsweise haben sich die Impressionisten – besonders van Gogh – mit der asiatischen Kunst auseinandergesetzt. Die chinesischen Maler schufen Bildwerke von hoher Vergeistigung und Poesie, Bildentwürfe voll von Symbolen. Diese klare Frische in den Kunstwerken der Chinesen wie auch der Japaner hat die Impressionisten begeistert.

In der Folge entdeckten Maler und Bildhauer speziell auch die afrikanische Kunst, die Schöpfungen diverser so genannter primitiver Kulturen für sich.

In ähnlichem Sinne bezieht sich die Fragmentale Bildidee – wie ausführlich dargelegt – bewusst auf vergangene Kulturen und entwickelt eine geistige Synthese von Tradition und moderner Weltsicht. Es geht der Fragmentalen Konzeption um neue Inhalte, bezogen auf heutige Lebensformen, bei deren Gestaltung die Tradition nicht zuletzt auch der Renaissance, des Barock und der Abstraktion zum Tragen kommt.

Gerade das Fragmentale im beschriebenen Sinn vermag die Zerrissenheit des heutigen Daseins zu überwinden und trägt bei zum ganzheitlichen Verständnis des Menschen.

Holzhausen 1977, München 1985, Piansalipano 2007

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