Die visuelle Sprache als Ausdruck kreativer Potentiale in der Maltherapie

Im Oktober 1981 kam ich an die Klinik Menterschwaige und baute dort in leitender Funktion die Maltherapie als eigene Therapieform auf. Meine Erfahrung als Leiter einer Malschule für Kinder hatte mich zu der Erkenntnis gebracht, dass Kinder, wenn sie abstrakt malen, in Farben und Formen Emotionen und Gefühle darstellen. Ihre Gestaltungsmöglichkeiten wachsen beständig, um sich und ihre Innenwelt durch das Medium Kunst auszudrücken.

Ein ganz ähnlicher Prozess läuft auch bei den Erwachsenen in der Maltherapie ab. Es geht darum, die den Patienten immanenten schöpferischen Fähigkeiten zur Entfaltung zu bringen. Die Abstraktion stellt sich zunächst als dominant dar und hilft dem Patienten, seine Schwellenangst vor schöpferischen Äußerungen an sich zu überschreiten, die sich besonders in der Scheu vor gegenständlicher Darstellung bemerkbar macht. Die Maltherapie bietet dem Patienten Kunst als Möglichkeit der Auseinandersetzung mit der Umwelt und mit sich selbst und der eigenen Lebensgeschichte an.

Die Maltherapie ist in das gesamte Behandlungskonzept der Dynamischen Psychiatrie eingebunden. Im Verständnis der Dynamischen Psychiatrie spielen unbewusste Prozesse und Dynamiken eine entscheidende Rolle bei der Entstehung psychischer Krankheiten von Patienten und werden deshalb als Schlüssel für den Heilungsprozess in die Behandlung mit einbezogen.

Dies lässt sich besonders in der Maltherapie beobachten, in der sich die Malenden mittels der visuellen Sprache ausdrücken, indem sie in ihren Bildern Aspekte ihrer inneren Welt und im Fortgang der Therapie Veränderungen ihrer Problematik mitteilen, fast ausschließlich ehe die inneren Prozesse in Gedanken oder Worte gefasst werden können (vgl. Kress & Bihler 2004: Die Entwicklung der visuellen Sprache). Im Umgang mit Farbe und Form, in der Wahl der Bildthemen und der Art, wie die Bearbeitung von Problemen umgesetzt wird, lässt sich prozesshaft eine Entfaltung und Veränderung der visuellen Sprache erkennen, welche die damit verbundenen Prozesse der Kreativitäts- und Persönlichkeits­entwicklung des Patienten veranschaulichen.

So ist es eine zentrale Aufgabe der Maltherapie, die ursprüngliche Kreativität und künstlerische Gestaltungskraft, die jeder Mensch besitzt – nur allzu oft durch soziale Zwänge, Anpassung und individuelles Leid verschüttet -, wieder zum Vorschein zu bringen, um eine Weiterentwicklung der Persönlichkeit zu ermöglichen. Wie Günther Ammon in seinem Buch ‚Der mehrdimensionale Mensch’, 1986 betont: „Künstlerische Gestaltungen wie Bilder, Zeichnungen, Gedichte, Geschichten,  Skulpturen, Tanz, Theaterspielen oder Musizieren sind […] grundsätzlich als Mitteilungen des Patienten an den Analytiker zu verstehen, als Äußerungsformen seines Unbewussten, als Darstellung seines Leidens und Anliegens, als Zeichen für den Stand seiner Persönlichkeits­entwicklung und damit als Zeichen für den Stand des therapeutischen Prozesses und der zur Zeit im Vordergrund der Bearbeitung stehenden Problematik.“ (ebd., S. 155)

Welch schöpferische Energie und Ursprünglichkeit Patienten hier im Verlauf der Maltherapie entwickeln, wird in der Qualität ihrer Bildwerke sichtbar.

Unsere Auffassung, der zufolge die in der Maltherapie entstandenen Bilder nicht nur Abbildungen individueller Leidens- und Genesungsprozesse sind, sondern darüber hinaus auch Kunstwerke im eigenen Recht, bestätigte sich bereits in zahlreichen Ausstellungen, die von Mitgliedern der Maltherapiegruppen der Klinik Menterschwaige  seit 1982 veranstaltet wurden.

Die visuelle Sprache, mittels derer sich die Patienten in der Maltherapie äußern, deckt sich mit dem Spektrum grundlegender Elemente der visuellen Sprache verschiedener Kulturen im gesamten Rahmen der Menschheitsentwicklung. Wie wir bei den Bildern der Malenden feststellen können, lassen sich die verwendeten stilistischen Elemente den unterschiedlichen Kulturen zuordnen, denen sie unbewusst entnommen sind (Vgl. Kress & Bihler 2000: Transkulturelle Aspekte in der Maltherapie). Das heißt, dass in uns Menschen ein transkulturelles Erbe verborgen liegt, durch das unser „Selbst“, unser schöpferisches Potential, wirkt.

So können wir sagen, dass die visuelle Sprache in der Maltherapie zur heilenden Kraft wird, indem die visuelle Sprache mit Hilfe des schöpferischen Potentials und der schöpferischen Teilchen ermöglicht, Ursachen psychischer Erkrankung zu erkennen und zu bearbeiten.

Hier ist vor allem die Bedeutung der Gruppe mit ihren kreativen Prozessen als wichtiger Faktor im Heilungsprozess zu betonen. Dieser Heilungsprozess vollzieht sich im Rahmen der Malgruppe. Günther Ammons Worte: „Wer in einer Gruppe krank geworden ist, kann auch wieder gesunden in einer Gruppe“ sind hier anzuwenden. Wir möchten in diesem Zusammenhang besonders auf G. Ammons Konzept der ‚Sozialenergie’ hinweisen wie auch auf C. G. Jungs ‚Das kollektive Unbewusste’ und Rupert Sheldrakes ‚Theorie des morphogenetischen Feldes’, wo er folgendes entwickelt: „Es wäre denkbar, dass morphogenetische Felder unendlich sind. Dies würde bedeuten, dass die morphogenetischen Felder von allen chemischen Stoffen, Kristallen, Tieren und Pflanzen, die es je auf der Erde gab oder geben wird, sogar schon vor der Entstehung dieses Planeten in latentem Zustand vorhanden waren“ (vgl. Das schöpferische Universum. S. 20-27, 89–110). Diese Verbindungen nimmt die visuelle Sprache direkt während des Kreativitätsprozesses in der Maltherapie auf und bedient sich der schöpferischen Teilchen.

Die Erfahrungen in der Maltherapie haben gezeigt, dass die hier stattfindenden Prozesse der Kreativitätsentwicklung nicht rein zufällig sind, sondern vielmehr einen phasenhaften Verlauf aufweisen, der in der Veränderung der visuellen Sprache eines Patienten abzulesen ist. Diese unterschiedlichen Phasen wurden von Kress et al. bereits in zahlreichen Veröffentlichungen (Kress 1987; Kress & Bihler 2007) und Kongress-Referaten in Form eines theoretischen Prozessmodells „Matrix der Kreativitätsentfaltung“ beschrieben. Die gemalten Bildwerke sind somit auch Dokumente der Kreativitätsentfaltung der visuellen Sprache in der Maltherapie, welche die damit verbundenen Prozesse der Kreativitäts- und Persönlichkeitsentwicklung aufzeigen.

Im Grunde bleiben alle Gedanken offen, sie werden im Bewusstsein immer neu geformt, ohne dass wir es sonderlich beachten, oder wir zapfen das Unbewusste an und arbeiten mit den schöpferischen Teilchen. Ungeahntes verbirgt sich in unserem Unbewussten. Geheime Ängste wirken dort und bedrohen uns, verwoben mit traumatischen Ereignissen aus unserer Vergangenheit, wenn es um Neues oder um Veränderungen im Leben geht. So wird es wichtig, dass wir das Ausmaß unserer Probleme erkennen lernen und unsere kreativen Potentiale zur Lösung einsetzen (vgl. Kress & Richarz, Thome 1998: Symbiosis and Separation in In-Patient Psychotherapy – Case Study with Paintings).

Unsere Kreativitätspotentiale, die schöpferischen Teilchen, ermöglichen uns, Fehler und andere Störungen zu korrigieren. Kreativität wird in unserem Dasein nicht nur in den Künsten benutzt, sondern ist in allen Zusammenhängen im Einsatz. Wir nutzen die schöpferischen Potentiale permanent, auch im Alltag. Die Maltherapie nutzt sie sehr augenfällig in Form der visuellen Sprache. Insgesamt aber arbeiten alle Therapieformen, die erfolgreich zur Heilung eines psychisch Kranken angewandt werden, mit dem jedem Menschen immanenten Kreativitätspotential.

München 2011

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